E-Motion

Skulptur und Grafik

Ausstellung vom 14.07. bis 20.10.2013 / Ev. Akademie Bad Boll

E-MOTION, der Titel spielt mit einem Wechselwort: „Motion“ als Bewegung und im konkreten Sinn Körperbewegung, „Emotion“ als Bewegung des Gefühls, des Affekts. Beides hängt natürlich miteinander zusammen. Gefühl und Gemüt äußern sich in einem sich regenden Körper. Und wie das Gefühl sich Ausdruck verschafft in den Körper hinein, so drängt der, wenn er sich bewegt in den Raum.

Gefühl ist zwar spürbar, wir können es erleben, aber nicht anfassen, ebenso wenig wie den Raum. Beides gehört zu den Mächten, die unser geistiges und leibliches Leben prägen. Und beides bindet sich nicht nur in der Titelbezeichnung E-MOTION aneinander, sondern auch in den Skulpturen und den zeichnerischen Arbeiten, die Sibylle Burrer für Bad Boll zusammengestellt hat.

Schon lange sind mir die bildhauerischen Arbeiten von Sibylle Burrer vertraut. Über einem kompakten geometrischen Körper – einem Würfel etwa oder einer Pyramide – läßt die Künstlerin ein lebhaftes Gewirr von Stahlbändern aufquellen. Diese Gebilde verdanken sich ursprünglich ebenfalls idealen Körpern: Kugeln, Würfeln, Kegeln. Sie werden aufgeschnitten, aufgelöst in Bänder, die nur noch entfernt an die einstmals geschlossene Form erinnern, dafür aber viel Luft einlassen, Zwischenräume, Durchblicke, Wirbel, die sich drehen, wenden, neigen, steigen u.s.w. Indem sie die feste Gestalt verlieren, öffnen sie sich dem Raum, beleben ihn nicht nur, sondern machen ihn auch sichtbar.

Alle Skulpturen oder zumindest Skulpturengruppen haben nicht nur Titel, sondern Namen. Das heißt sie sind mit Bedacht ausgewählt in Hinblick auf ihre dynamischen Eigenschaften und aktiven Wirkkräfte, so auf das Miteinander in gegenseitigen Spiegelreaktionen, auf Tragen und Lasten, auf Balance und Gleichgewicht, auf Ruhen und Bewegen. Zuweilen sehen wir dabei wie sich Gewohntes umbildet: ein Wirbel von Stahlbändern etwa, statt aufzuquellen wird zur tragenden Kraft und die ihnen auferlegten Gewichte scheinen zu schweben. Erinnerung an das Prinzip der Blattkapitelle in den Säulenordnungen der Kirchen und hier wie da Verweis auf Bereiche, in denen andere Kräfte gelten als die der „normalen“ Physik.

Mit den Zeichnungen nimmt Sibylle Burrer die Betrachter mit auf den Weg eines allmählichen Wandels. Wege, d.h. Werkgruppen, die auf ein bestimmtes Ziel hin arbeiten, gibt es im Werk von Sibylle Burrer seit ich sie kenne. Schritt für Schritt, Blatt für Blatt, entwickelt sich dann aus einer ursprünglich dichten, kompakten Masse – meist schwarz – eine Form so, wie man sich einen bildnerischen Prozeß gut vorstellen kann. Ein Spalt tut sich auf, Licht dringt ein, gewinnt an Raum, der öffnet sich zusehends, die schwarze Fläche weicht zurück, es erhebt sich aus ihr eine deutliche neue Form, ein aufragendes Dreieck etwa, aber auch das klappt in sich zusammen und entläßt ein überraschend luftiges Wesen, ein Gebilde nicht der mathematisch geometrischen Logik (wie noch das Dreieck es war), sondern der Phantasie. Phoenix, nicht aus der Asche, aber aus einer anderen Welt.

Zwei Welten begegnen sich. Eine ist bestimmt durch scharfe Schnitte, harte Kanten, aggressive Spitzen, Situationen heikelsten Gleichgewichts. Die andere umspielt, um nicht zu sagen: umgarnt die abweisenden Gebilde mit einer unendlichen Fülle und Vielfalt linearer Gebärden. Diese Arbeiten sind sichtlich verwandt mit den schon geschilderten Skulpturen im Spiel zwischen lösen und verdichten, fliehen und sich nähern, umfassen der festen Blöcke. Da diese selbst wie unbestimmt in und auf der Fläche schweben, ereignet sich auch hier das Erstaunliche: Die schweren Gewichte lassen sich tragen vom feinen Weben der Linien.

E-MOTION. Die Bewegung aus dem Körper in den Raum entwickelt oder um ihn herum gewinnt langsam Farbe, d. h. ein emotionalisierendes Element. Der Zufall hat es gebracht, wie soft in der Kunst, wenn er erkannt wird in seinen Möglichkeiten und dann auch genutzt, d.h. bewußt eingesetzt. Sibylle Burrer wurde eingeladen, sich an einer Ausstellung über Schokolade zu beteiligen. Es entstanden die Schokoladenzeichnungen im gleichen Prinzip zweier formaler Welten – kristalliner Ordnung und chaotischer Unvorhersehbarkeiten. Aber gerade die sind farbig und versahen die Künstlerin mit unerwarteten Geschenken. Schokolade ist nämlich lebendig, sie verändert sich unter bestimmten Bedingungen, in diesem Fall wurde sie warm und statt zu verlaufen konzentrierte sie sich zu neuen unwiederholbaren, von keiner Menschenhand gemachten Gestalten. Diese neuen Gebilde spielen nun mit im Aufeinandertreffen der Gegenwelten als eine dritte vermittelnde Position als weiche, runde Körper.

Schokolade ist braun, also farbig. Bereits in früheren Anläufen waren farbige Serien entstanden, dunkelblau mit etwas rot, noch kaum als „farbig“ wahrzunehmen. Jetzt aber gibt es Farbwirbel. Wo sie sich vielfach überdecken, entstehen neue, farbige Dunkelheiten, sogar ein jetzt farbiges Schwarz, hervorgegangen aus der Spontaneität der MOTION zusammen mit Emontion. Bildhauerische Arbeit braucht viel vorbereitende Überlegung. Die Farbzeichnungen erhalten ihr Leben aus der spontanen Hand. Aber beides Spontanes und Überlegtes schwingt immer zusammen, offensichtlicher mal das eine, mal das andere und immer das Sichtbare mit dem Unsichtbaren verbunden.

Dr. Ulrike Rein, Pforzheim

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