Kunstverein Langenfeld

Sibylle Burrer: Skulptur und Zeichnung

Einführung in die Ausstellung am 7.04.2013

…die spannende Dualität entgegengesetzter Befindlichkeiten wahrzunehmen und in Dialog zu setzen….

Haben Sie schon einmal mit den Haaren gefühlt?

Stellen Sie sich vor, Ihre Haare würden Antennen gleich Signale Ihres Körpers aussenden und Signale der Umwelt empfangen. Sie würden Energiebahnen formen und Botschaften senden als eine Verlängerung Ihrer besonderen und individuellen Körpergestalt…

In einer Einkehrwoche habe ich auf einem Spaziergang durch einen alten Buchenwald, - durch Stille und Wahrnehmungsübungen sensibilisiert, meine Haare wie in einem funkenden Zwiegespräch mit den Bäumen über mir erlebt. Das war ein Energieaustausch, der meine Haare mit der formverwandten Struktur der Zweige und Blätter verwebte und verknüpfte zu einem Ineinander und Miteinander…

Eben diese Erfahrung kommt mir in den Sinn, wenn ich diese Skulpturen und Zeichnungen betrachte – schwere (vielleicht)einsame Köpfe und funkensprühende Haarbüschel darüber.

Vielleicht haben Sie eine ganz andere Empfindung, das ist hier ganz und gar nicht festgelegt, sondern viel Raum für eigene Erfahrung und Körpererkundung

Und Sibylle Burrer hilft uns dabei, uns ganz körperlich auf die gestaltete Form einzulassen, weil sie nämlich nichts abbildet, was wir schon kennten und wüssten. Also müssen Sie als Betrachter sich ganz auf ihre sinnliche Wahrnehmung einlassen und verlassen, - einfach schauen, fühlen, Ihren Körper als Resonanzkörper gebrauchen.

Im ersten Schauen auf die Ausstellung fällt es ins Auge, bei den Zeichnungen genau wie bei den Skulpturen – der starke polare Gegensatz aus einem schweren, massiven, räumlich klar abgegrenzten und dunklen Körper und einem sehr bewegten wirbelartig aufgelösten Körper oder hellen Linienknäuel, das in den Raum hinausstrebt.

Beide Teile der Plastik sind oftmals aus dem gleichen Grundkörper entwickelt, z.B. aus einem Quader oder Tetraeder aus Edelstahl und aus Granit (oder aus dem wunderbar gestreiften Maulbronner Schilfsandstein), wobei der Stein ein gefüllter massiver Körper ist und der Stahlkubus ein Hohlkörper.

Vielleicht können Sie die in sich ruhende Schwere des Steins spüren, der dem Wirbel für seine Entfaltung Basis und Halt gibt. In frühen Arbeiten der Künstlerin ist der Steinkubus noch ein bloßer Sockel, ein gerader Würfel ohne eigene Bewegung. Doch bei den heutigen Arbeiten vollzieht er die Bewegung des aufliegenden Energiebündels in seiner schweren bedächtigen Weise mit, ja vielleicht bietet er sogar Ausgangpunkt und Impuls dafür. Der Stahlkubus nutzt den Impuls, um sein innewohnendes Potential zu entfalten, den Raum zu erkunden und wirkt zugleich auf den Stein zurück, der sich in die Diagonale dehnt.

Die Titel der Kunstwerke helfen uns dabei zu verstehen, dass es um Sinnes- Körper- und Raumerfahrungen geht, die wir alle machen, die unser menschliches Leben betreffen. Insofern bleiben die Skulpturen bei aller Abstraktion gar nicht abstrakt, wenn wir uns körperlich darauf einlassen.

Titel wie „Aufbruch, Impuls, Weg, Spiel um die Achse, oder Genießen“ weisen darauf hin, und den Titel „Kontinente“ kommentierte die Künstlerin mit den Worten …“ so wie jeder Mensch ein eigener Kontinent ist…“

Übertragen könnte das bedeuten: Wie kann ich Grenzen auflösen und Strukturen in den Raum hinein öffnen, Energie und mein Potential entfalten –

  • und doch zugleich in der Balance bleiben?


So stehen die Skulpturen für die Balance-Akte, die wir täglich vollziehen, da wo wir noch nicht erstarrt sind, sondern als lebendige Menschen in polaren Gegensatzspannungen leben, sie also aushalten und nicht einseitig auflösen! – zwischen Bewahren und Erneuern, Abgrenzen und Einlassen, Sammeln und Aussenden, Impulse geben und aufnehmen, Halt geben und Orientierung suchen, Ruhe und Bewegung erlauben, Schwere und Leichtigkeit erfahren.

Nun zur Erholung von der körperlichen Anstrengung des Nachempfindens noch ein paar hilfreiche Daten und Fakten der Vita von Sibylle Burrer:

Sibylle Burrer wurde 1961 in Pforzheim geboren und macht 1981-1983 eine Steinmetzlehre. Das ist naheliegend, denn ihrer Familie gehörte bis zum Ruhestand des Vaters der große Sandsteinbruch von Maulbronn gleich neben dem berühmten Kloster gelegen, das zum Weltkulturerbe zählt. Beides prägte sie: der Stein - und die Nachbarschaft der Klosteranlage.

Bis 1991 schließt sich ein Architekturstudium in Stuttgart an mit Impulsen und Aufbrüchen in vielerlei Hinsicht, auch in geistlicher...

Währende des Studiums beginnt sie mit Unterricht in Bildhauerei und Grafik bei Prof. Gerlinde Beck in Mühlacker.

Von 1993 – 1997 arbeitet sie in einem Architekturbüro und bereitet sich dort persönlich und wirtschaftlich auf den konsequenten Einstieg in die Bildhauerei als Beruf vor – auch ganz konkret, indem sie sich etwas anspart – ein Schritt, den sie dann 1997 vollzieht. Sie widersteht der Versuchung eines im weltlichen Sinne „vernünftigen“ Sowohl-als-auch, weil sie sich ganz einlassen und auf das Eine konzentrieren möchte.

Mittlerweile kann sie eine respektable Anzahl von Einzel- und Gruppenausstellungen vorweisen und ihre Arbeiten wurden von diversen privaten und öffentlichen Sammlungen erworben.

Interessant und sehr besondere Raumerfahrungsweisen sind auch die Netzwerke, die sie geknüpft hat. Und zwar im eigentlichen Wortsinn: alte historische Gebäude wie Kirchen, Türme, Dachspeicher etc. wurden und werden von ihr mit selbstgeknüpften temporären Netzinstallationen ausgestattet, in die man hineinsteigen und den umgebenden Raum und seinen eigenen Körper ganz neu aus ungewohnter Perspektive und mit stark gefordertem Gleichgewichtssinn erkunden kann – und auch im Miteinander erleben kann.

Wichtig in dieser Ausstellung sind aber auch die Zeichnungszyklen, in denen Sibylle Burrer ihre Körpererkundungen befreit von den Gesetzen der Statik und Physik im Raum an sich vorantreiben kann.

Die großformatigen Bleistiftzeichnungen sind keine bloßen Skizzen oder Arbeitsblätter zur Vorbereitung der bildhauerischen Arbeiten, beschäftigen sich aber mit denselben Themen und Elementen. Sie entstehen parallel zu den Arbeiten in Stein und Stahl als eigenständige Erkundungen von Linien, Flächen und Körpern im Raum mit Bleistift und Papier.

Sie sehen auf den Blättern dunkle massiv geschwärzte Flächen durch plastische Schattierung mit der weichen 6B-Mine als Körper erkennbar und dazwischen und darüber gesetzt feinste, zartfädrige Bewegungslinien und Geflechte, die in kreisender Bewegung durch hundertfach überlagerte 6H-Minen-Striche entstehen.

So fein und filigran sie sind, scheinen sie in ihrer gebündelten Bewegung doch die Energie zu besitzen, die kristallinen – also ungeheuer harten – Steinsäulen oder Rahmen auseinander zu drücken. Oder wie wirken hier Ihrer Empfindung nach welche Kräfte? Der Zyklus „Weg“ zeigt, wie aus einem zarten rotierenden Impuls innerhalb eines zunächst übermächtigen Rahmens neue bewegte Körper sich entwickeln und miteinander agieren, bis sie in einem großen schwarzen Körper zur Ruhe kommen, während der einengende Rahmen immer weiter zurücktritt. Und aus dieser scheinbaren Grabesruhe entspringt wieder etwas neues ganz anderes, aus der dunklen schweren Materie die reine geistige Energie – oder so wie das Küken aus der Schale bricht – hier entsteht neues Leben, ein Impuls, das eigene Leben für Entwicklung und Veränderung offen zu halten - eine österliche Botschaft für uns.

Bettina Noesser,
Architektin Langenfeld/Köln

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