Intervention im Raum 2003

Schloss Neuenbürg

14. 9. - 26. 10. 03
Dr. Ulrike Rein, Pforzheim


Dachstühle, wo es sie noch gibt, sind meistens Abstellräume, in denen sich über längst vergessenen Sachen der Staub sammelt. Man steigt nicht so ohne weiteres herauf. Im Winter ist es dort kalt, im Sommer heiß, und immer herrscht mehr oder weniger dämmriges Licht in dumpf abgestandener Luft.

Dachstühle historischer Bauten üben indessen einen gewissen Reiz aus. Man kommt noch seltener hin als auf den eigenen Dachboden, und wer an alten Holzkonstruktionen Freude hat, hegt zu recht besondere Erwartungen. Der Dachstuhl des Neuenbürger Schlosses erweist sich bezogen auf das tragende Gerüst des Daches als ein prächtiger Raum, zumal da für die Dauer dieser Ausstellung einige Dachziegel gegen lichtdurchlässige Kunststoffelemente ausgetauscht worden sind. So durchdringt von beiden Seiten einfallendes Tageslicht die Dunkelheit des Raumes mit belebendem Glanz. Es entwickelt sich dabei ein Rhythmus von Licht und Schatten gemäß der Abfolge der eingesetzten Lichtziegel. Das paßt gut zur Abfolge der Holzstützen, an und über denen das ganze Gerüst der Böden und Balken verankert ist. Als eine lange Reihe von Portalen bilden sie einen geradezu festlichen Weg, und überall herrscht der Eindruck von verläßlich Festgefügtem.

In dieses durch und durch stabile Skelett hat Sibylle Burrer ein großes Netz eingehängt. Es wirkt leicht inmitten der kraftvollen Körperlichkeit der Hölzer, nicht gerade so leicht wie ein Spinnennetz; aber die Assoziation stellt sich doch ein. Spinnennetze mit ihren zähen Fäden nämlich überspannen oft erstaunliche Weiten und durchmessen ganze Räume. Das ist besonders schön, wenn sie im Sonnenlicht sichtbar werden, und das gilt auch hier; denn das Netz durchzieht einen großen Teil des Raumes und zwar im Gegensatz zu manchem Spinnengewebe gleich dreidimensional – also so räumlich wie der Raum selbst es ist. Das Netz, der Raum und die Holzkonstruktion des Dachstuhls entsprechen einander und stehen zugleich in spannungsvollem Gegensatz. So weit die formal-ästhetische Betrachtung.

Das Wort „Aisthesis“, von dem unser Fremdwort „Ästhetik“ abstammt, hat zwei Bedeutungsfelder, die miteinander zusammenhängen: zuerst auf die Sinne bezogen „Gefühl, Wahrnehmung und Empfindung“, sodann daraus folgend „Kenntnis, Erkenntnis, Begreifen, Bewußtsein und Verstand“ (lt. griechisch-deutschem Schulwörterbuch). Sibylle Burrer nennt ihre Arbeit „Intervention im Raum“ und fordert damit sämtliche Bedeutungen der Aisthesis bezogen auf den Raum (des Dachstuhls zunächst) heraus. Das Netz nämlich soll begangen werden. Zu diesem Zweck führt eine schmale Holztreppe nach oben, zum Eingang in das Netz. Dort beginnt das Wagnis, den festen Boden zu verlassen und sich der nachgiebigen Tragkraft des Netzes anzuvertrauen. Dabei nehmen wir Verschiedenes wahr: zuerst wirklich und wahrhaftig die Stabilität des Bodens, den wir verlassen wollen, sodann, das Netz prüfenden Schrittes betretend, das Gewicht, die Schwerkraft des eigenen Körpers. Sofern wir nicht allein im Netz sind, erleben wir auch die anderen, auf die das Netz reagiert. Kraft und Gegenkraft und die Notwendigkeit, sich damit oder dagegen ins Gleichgewicht zu bringen und sich darin zu erhalten. Dabei ist der ganze Mensch gefordert, am wenigsten sein Verstand, viel mehr Reaktionsvermögen und Intuition, dazu Achtsamkeit bei jedem Schritt auf sicheren Tritt in den weit geknüpften Maschen des Netzes. Solch eine Körpererfahrung dürfte so elementar in Anspruch nehmen, daß die Raumerfahrung ersteinmal umschlägt in die Auseinandersetzung mit den eigenen körperlichen Möglichkeiten. Später erst macht sich die Holzkonstruktion des Dachstuhls wieder bemerkbar, als Haltemöglichkeit und - plötzlich - als Hindernis, das überwunden werden will. Das Netz steigt an und führt über die Portale hinweg wieder hinab, wobei sich der im Netz befindliche Mensch den im Fortgang des Weges veränderten räumlichen Bedingungen mit Geschick und etwas Beherztheit anpassen muß. Auch dem Blick aus luftiger Höhe hinab in doch etwa 6m Tiefe (ohne die eigene Körpergröße) ist standzuhalten, ehe der Abstieg beginnt. Der verlangt den Rückwärtsgang und Klammergriffe, die die Behendigkeit von Affen in bewundernde Erinnerung rücken. Schließlich gibt es wieder sicheren Boden unter den Füßen, d.h. einen Dielenboden, der nichts ist als eine Lage von Brettern über tragenden Balken. Darunter liegt wieder der offene Raum......

Kein Zweifel: unterwegs ist der ganze Mensch gefordert mit all seinen Möglichkeiten der Wahrnehmung, des Körpergefühls und des tatsächlichen Begreifens. Am Ende bleibt Erkenntnis nicht aus, uns selbst betreffend zuerst: unser Angewiesensein auf tragende und lastende Kräfte im Raum, auf Reaktion und Gegenreaktion, auf Festigkeit und Nachgiebigkeit, auf verläßliche Verbindungen. Das bezieht sich sowohl auf die Verstrebungen der Dachbodenkonstruktion als auch auf die Knoten des Netzes. In beiden Fällen handelt es sich dabei um ein ganzes System, ein Strebewerk, bzw. ein Netzwerk mit seinen vielfältigen Vernetzungen. Die beiden letzten Vokabeln, „Netzwerk“ und „Vernetzung“, sprechen weitere Kontexte an bis hin zu unser aller telekommunikativen Netzwerkexistenz um das sogenannte „Internet“ herum. Aller Faszination, die davon ausgeht, trotzend will ich an weniger virtuelle Vernetzungen erinnern, z.B. an jeden einzelnen Menschen selbst, der seinen Lebensweg gehend vieles in sich verbindet wie ein Knoten im Netz und der mit anderen zusammen eine große tragfähige Gemeinschaft bilden kann, sowohl im privaten als auch im öffentlichen Raum.

Auch dieser Aspekt ist in Sibylle Burrers Arbeit gegenwärtig, wenn auch nicht gleich offensichtlich. Er ergibt sich aus der Entstehungsgeschichte des Netzes. Es besteht aus Seilen verschiedener Belastbarkeit, die Bergsteiger für ihren Halt und ihre Absicherung benutzen. Und es besteht aus Hunderten von Knoten. Diese wurden geknüpft in Zusammenarbeit mit der „Lebenshilfe Pforzheim/Altgefäll“ und dort innerhalb des Arbeitstrainingsbereichs der Holzwerkstatt. Auch die „Lebenshilfe“ ist ein Netz, verankert im Netz der öffentlichen Gemeinschaft, die dieses mitträgt, vielleicht so wie die Holzkonstruktion des Dachstuhls das luftige Netz. Daß auch das so leicht und instabil wirkende Netz fähig zu halten ist, haben alle erlebt, die durch das Netz gewandert sind – eigene Schwächen den Knoten anvertrauend, die von ebenfalls, aber vielleicht auf andere Weise Schwachen geknüpft worden sind.

Das Neuenbürger Schloß birgt heute ein Museum, in dem in einem besonderen Raum auch darstellend ein Märchen erzählt wird. In Märchen treffen sich alte Überlieferung als Geschichte und Wünsche der gegenwärtig Erzählenden als Zukunftsbild. Ich will an ein Märchenmotiv erinnern, das wohl allen bekannt ist: Der Märchenheld oder die Heldin begegnet Schwächeren auf respektvoll-schützende Weise. Oft sind es unscheinbare, sogar häßliche Wesen. Dann gerät der Held/die Heldin selbst in Gefahr, etwa in die Gewalt des Gegenspielers. Hilfe kommt nun von eben den Schwachen, die jetzt den Weg weisen können, weil sie Fähigkeiten entwickelt haben (über Zauberkräfte verfügen, wie es im Märchen heißt), über die der normale Alltag oft achtlos hinwegsieht. Sibylle Burrer hat solche Fähigkeiten einzubinden gewußt in ihre künstlerische Arbeit. Sie hat mit der „Intervention im Raum“ ein Gegenwartsbild geschaffen, das auch für die Zukunft taugt. Haltbar ist es ganz sicher für die Dauer der Ausstellung und tragfähig als Vorstellung vom Miteinander hoffentlich noch lange darüber hinaus in die Zukunft.

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